Gott und Haiti

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Am 12. Januar 2010 erschüttert ein schweres Erdbeben den Inselstaat in der Karibik und verursacht damit die größte Katastrophe, die ich in meinem Leben bis jetzt bewusst wahrgenommen habe. Keiner weiß, wieviele Menschenleben sie wirklich gekostet hat, es sind mindestens 110.000 Tote. Darüber hinaus sind Hunderttausende obdachlos und hungern, die Situation in den betroffenen Gebieten scheint so unwirklich, dass man an ein Endzeit-Szenario erinnert ist. Kleine Kinder, die ihre Eltern verloren haben durchstreifen heimatlos die Straßen der Hauptstadt und schlafen nachts neben den überall herumliegenden Leichen. Warum, Gott?

Straft Gott dieses Land, das ohnehin schon von Korruption, Diktatur, Ausbeutung und Naturkatastrophen gepeinigt war?

Um die Antwort schomal vorwegzunehmen: Nein, unser Gott straft nicht, er ist der Gott der Liebe und will das Heil aller Menschen, er wünscht niemandem Unheil. Warum es Haiti so ergeht, warum Gott das Land nicht beschützt hat, lässt sich nach menschlichem Ermessen nicht beantworten. Fakt ist: es gibt Leid in dieser Welt, es gibt vor allem unschuldiges Leid, und wir können diese Tatsache nur fragend und bittend – vielleicht auch klagend – vor Gott hinhalten und diese Spannung im Glauben aushalten. Die Frage nach Gottes Gerechtigkeit angesichts der offensichtlichen Ungerechtigkeit der Welt ist ebenso alt wie unlösbar (siehe http://de.wikipedia.org/wiki/Theodizee). Klar, vieles Leid schafft der Mensch sich selbst, aber unschuldige Opfer lassen sich damit trotzdem nicht erklären.

Warum war diese Katastrophe so schlimm? Sicher gibt es einige Faktoren, die nicht gerade hilfreich waren: Die Infrastruktur des Landes ist miserabel, die Bevölkerung leidet seit Jahrzehnten unter Diktatur und Misswirtschaft. Außerdem gab es dort schon mehrere Erdbeben und auch das Beben vom 12.1. wurde von Wissenschaftlern angekündigt. Es hätten also schon frühzeitig Vorkehrungsmaßnahmen getroffen werden müssen und Haiti wäre vielleicht weniger schlimm getroffen worden.

Ich möchte aber an dieser Stelle ausdrücklich davor warnen, das Unglück Haitis geistlich erklären zu wollen.

Ja, es gibt in Haiti viele Sekten, Voodoo-Kulte und Okkultismus – aber steht es uns als Christen zu, dies als Ursache für die Katastrophe zu benennen? Der Grund für die Schwere des Unglücks ist doch wahrscheinlich die Unfähigkeit der politischen Führung, die idiotische Selbstbereicherung der herrschenden Klassen. Ich will mir den Gedanken nicht erlauben, dass unser Gott, Jesus Christus, der sich selbst hingab um uns zu retten, die Tausenden unschuldigen Kinder Haitis deshalb nicht gerettet hat, weil das Land so voller Sünde war.

Wir leben nicht mehr in dieser alttestamentlichen Logik, nach der das Ausmaß der Sünde eines Landes das Ausmaß des Wohlstands und Heils eines Landes bestimmt. Wie schlecht müsste es uns westlichen wohlhabenden Ländern dann ergehen! Und doch sind es immer die Ärmsten der Armen, die das Unheil so massiv trifft. Haiti ist nicht Soddom und Gomorrah (Genesis 18 + 19), Haiti ist Israel, ist das von Gott geliebte, aber vom Leid gepeinigte und gekreuzigte Volk.

Ich glaube fest, dass Gott einen Plan auch für dieses Volk hat, dass er jetzt dort gegenwärtig ist und Wunder wirkt, Menschen rettet, dass viele vielleicht gerade in dieser Notsituation Jesus begegnen dürfen. Unsere Aufgabe ist, jede mögliche Hilfe für die Menschen dort zu leisten und zu Gott zu flehen, dass er hilft, dass sein Reich anbricht, gerade dort, wo er so fern zu sein scheint. Wir ersehnen Gottes Gerechtigkeit für Haiti. Er wird „in ihrer Mitte wohnen, und sie werden sein Volk sein; und er, Gott, wird bei ihnen sein. Er wird alle Tränen von ihren Augen abwischen: Der Tod wird nicht mehr sein, keine Trauer, keine Klage, keine Mühsal“ (Offb 21,3-4).

Written by :
Tobias Mayer